Montag, Januar 15, 2007

Wie die Holzmafia Bukit Duabelas zerstört

Wie die Holzmafia Bukit Duabelas zerstört

von Feri Irawan[1] und Marianne Klute

Anfang des Jahres 2006 berichteten Orang Rimba, indigene Waldnomaden im Nationalpark Bukit Duabelas in der Provinz Jambi, vom Bau einer illegalen Loggingstraße im Distrikt Batanghari. Für die Straßenbauarbeiten wurde Wald gerodet und vor der Straße aus innerhalb weniger Monate eine Fläche von mehr als 6000 Hektar geschütztem Naturwald kahl geschlagen.

Höchst alarmiert machte sich Walhi Jambi auf den Weg zum Tatort und musste feststellen, dass illegale Holzfällertrupps mit Kettensägen und schwerem Gerät an mehreren Stellen des Nationalparks am Werk sind. Aufgeschreckt von der Schnelligkeit, mit der der Nationalpark dem Kahlschlag zum Opfer fällt, folgt Walhi Jambi seither den Einschlagschneisen der Holzfällertrupps. Unserer Partner vor Ort haben recherchiert, wer die Täter sind, mit welchen Methoden sie vorgehen, welche Schäden sie anrichten und welche Händler das Holz aus dem Nationalpark Bukit Duabelas aufkaufen.

Vorläufiges Resultat der Beobachtungen und Recherchen: Innerhalb weniger Monate ist eine Loggingstraße gebaut worden, die halb Batanghari durchschneidet. Dies gelang lokalen Unternehmen durch Kooperation mit Beamten und Dorfvorstehern, aber auch mit dem internationalen Holzhandel. Das Holz gelangt über Sägewerke an den Flüssen Tembesi und Batanghari an drei indonesische Holzunternehmen, die wiederum nach Singapur verkaufen. Ein bedeutender Abnehmer der gestohlenen Ware sitzt in Deutschland.

Auf Grund von Walhis Recherchen konnte die Polizei von Jambi einige der lokalen Akteure festsetzen und einen kleinen Teil des noch nicht exportierten Holzes konfiszieren. Doch bedeutet das Eingreifen der Polizei nicht, dass dem illegalen Holzeinschlag im Nationalpark Bukit Duabelas Einhalt geboten werden konnte. Im Gegenteil. Solange die Nachfrage aus dem Ausland anhält, ist die Existenz des Nationalparks bedroht.

Dieser auf gesicherten Recherchen vor Ort beruhende Kurzbericht zeigt die Arbeitsweise der Holzmafia im Nationalpark Bukit Duabelas auf und gibt Hinweise auf den Weg, den das Holz von zwei „Hotspots“ des illegalen Holzeinschlags in den internationalen Handel nimmt.

Kahlschlag bei Olak Besar und Kampung Baru

Das Dorf Olak Besar liegt im Ostteil des Distrikts Batanghari an dem Fluss Tembesi. Der Tembesi bildet zugleich die Grenze des Nationalparks. Am anderen Flussufer, außerhalb des Nationalpark, erstrecken sich im Osten große Holzeinschlags-Konzessionsgebiete. Von der Hauptstadt Jambi aus fährt man in zwei bis drei Stunden mit dem Bus bis zum Nationalpark. Dann führt der Weg 60 km durch den Park über die Dörfer Jeluti und Koto Boyo bis Olak Besar. Die Dorfbevölkerung lebt hauptsächlich von der Gewinnung von Gummi aus den Wäldern.

Mit 30.300 Hektar Wald ist Batanghari (Gesamtfläche des Distrikt: 36.300 Hektar; das sind 60% der Fläche des Nationalparks Bukit Duabelas) im Vergleich zur anderen Hälfte von Bukit Duabelas noch relativ dicht bewaldet.

Nach welchem Modus operandi gehen die am illegalen Holzeinschlag Beteiligten vor? Sie verschaffen sich Genehmigungen für bestimmte, begrenzte Tätigkeiten zur Nutzung von Waldprodukten bzw. zum Holzeinschlag im Nationalpark. Solche Genehmigungen können unter bestimmten Umständen erteilt werden, wenn die Antragsteller geltend machen, dass vitale Interessen der Bevölkerung betroffen sind. Der soziale Aspekt ist zugleich ein Schutz für die Unternehmen; sie können immer behaupten, im Sinne der Existenz der Bevölkerung zu handeln. Auf der Basis solcher Genehmigungen operieren die Täter missbräuchlich weit über den Umfang der Genehmigung heraus. Sie bilden das „legale“ Gerüst für den Modus operandi nicht nur in Jambi. In ganz Indonesien ist diese Art der Legalisierung krimineller Machenschaften ein erprobtes Mittel, um in großem Stil an Holz zu kommen. Der Fall des Dorfes Olak Besar ist nur ein Beispiel:

Die im Nationalpark lebende Bevölkerung darf in begrenztem Rahmen Landwirtschaft betreiben; Außenseiter und erst recht kommerzielle Unternehmen haben dieses Recht nicht. So ist es auch in dem Dorf Olak Besar. Die Bauern sind arm; um besser wirtschaften zu können, haben sie die Kooperative Alam Sejati gegründet. Der Vorsitzende der Kooperative, Amir, ist im Dorf ebenso wichtig wie der Dorfvorsteher Ali Umar.

Nun kommt ein Plantagenunternehmen ins Spiel, PT Permata Hijau,[2]. Permata Hijau verhandelt mit Amir und Ali. Das Unternehmen gewährt den Bauern Kleinkredite und verlangt im Gegenzug, dass das Dorf Land für die Anlage einer Plantage zur Verfügung stellt. Einige Bauern der Bauernvereinigung Harapan Mulya besitzen gemeinsam hundert Hektar Wald. Schriftlich vereinbart man, dass die Kooperative Alam Sejati diesen Wald rodet und dann dort eine Plantage anlegt und beackert. Bei den Bauern hat der Plan Hoffnungen geweckt, ein besseres Einkommen erwirtschaften zu können und gleichzeitig im Besitz der hundert Hektar zu bleiben. Unglücklicherweise sind sie durch das Kleinkreditsystem in Abhängigkeit von Permata Hijau geraten..

Permata Hijau erwirkte vom Bupati (Distriktvorsteher; entspricht etwa einem Kreisdirektor) von Batanghari, Herrn Syahirsah SY, eine Genehmigung für die Anlage einer Plantage auf dem 100 Hektar großen Stück Land der Bauern. Auf diese betrügerische Weise gelingt es dem Unternehmen, im Nationalpark Fuß zu fassen. Bei dem Dokument handelt es sich um eine Genehmigung zur „Nutzung von Waldprodukten“, ausdrücklich nicht gültig für den zonierten Wald des Nationalparks, sondern nur für „die Anlage einer Plantage auf 100 ha Land im Dorf Olak Besar, Unterbezirk Bathin XXIV, Bezirk Batanghari, welches der Bauernvereinigung Harapan Mulya gehört.“ Dieses Dokument, IPHH-LKH No. 472/2006 (Izin Pemungutan Hasil Hutan-Luar Kawasan Hutan), liegt uns vor.

Auffallend ist, dass das Dokument erst am 26. April 2006, als die Holzfäller längst vor Ort waren, ausgestellt wurde, während Walhi Jambi schon vorher begann, den Berichten nachzugehen. Walhi ist sich sicher, dass der Bupati von Batanghari vor der Ausstellung des Dokumentes keine Ortsbesichtigung vorgenommen hat. Weder gab es eine vorherige Analyse des Waldbestands noch jemals Kontrolle der Arbeiten vor Ort.

Die Genehmigung gilt auch für den Bau einer fünf km langen Trasse vom Fluss Tembesi an den Fluss Kemang, mit dem Zweck, einen Zugang zur Plantage zu haben. Verwunderlich war von Anfang an, dass für den Bau dieses einfachen und relativ kurzen Weges Bulldozer in den Nationalpark gebracht worden sind. In Wirklichkeit wurde kein bloßer Zugangsweg für eine Plantage gebaut, sondern eine befestigte Loggingstraße von zehn Metern Breite. Dafür also brauchte das Unternehmen die schweren Baufahrzeuge! Die Straße ist nicht fünf, sondern 30 km lang und führt quer durch den Distrikt bis an den Grenzfluss Sakolado. Dieser Tatbestand überschreitet den Umfang der Genehmigung bei Weitem.

Um Platz für die Straße zu machen, wurde natürlich Wald gerodet. Nach Beendigung der Straßenbauarbeiten war es für die Holzfäller ein Leichtes, rechts und links der Straße den Wald abzuhauen. Das ist ein klarer Gesetzesbruch und ein weiterer Verstoß gegen die erteilte Genehmigung. 6000 Hektar, ein Sechstel des Waldbestandes, sind abgeschlagen worden. Dies sind nach unseren Schätzungen mehr als 3000 Kubikmeter Holz. Die Stämme sind im Durchschnitt 4-5 m lang und haben einen Durchmesser von 40 cm und mehr. Es handelt sich um die Holzarten Meranti (Shorea spp), Kempas (Koompassia malaccensis), Pulai (Alstonia spp), Rengas (Gluta spp), Durian (Durio spp), Kulim (Scorodocarpus), Keranji (Dialium spp) sowie um folgende Arten, die uns nur dem lokalen Namen nach bekannt sind: Balam, Tarentang, Jengkang.

Die neue Loggingstraße führt durch das Gebiet der Orang Rimba. Tumenggung Jelitai, Anführer- einer Gruppe der Orang Rimba, führt bittere Beschwerde, dass Mobilität und traditionelle Lebensweise der Waldnomaden behindert werden und ihre Kultur dem Untergang geweiht ist. Beim Bau der Straße haben die schweren Baufahrzeuge kulturelle Wertgegenstände wie sakrale Teller und Kerisse zerstört. Die Existenz der Walddleute wird mit dem Wald vernichtet, sagt Tumenggung Jelitai.

Der Fall Olak Besar ist Kahlschlag im großen Stil. Trotz der Beschwerden der Orang Rimba und der Recherchen von Walhi sind die Behörden noch nicht eingeschritten. Ein zweiter Holzmafiaring dagegen ist festgesetzt worden. Im Oktober 2006 konnte die Provinzpolizei zwölf Personen festnehmen, hat sie sozusagen auf frischer Tat ertappt. Ihnen wird vorgeworfen, bei der Siedlung Kampung Baru im Dorf Teluk Lebam illegal 200 Hektar Wald abgeschlagen zu haben. Bei den Verhafteten handelt es sich um acht Holzfäller, zwei Beamte der Forstbehörde, einen Holzbaron und einen Sägewerksbesitzer. In wochenlanger mühevoller Arbeit konnte die Polizei mehr als 7000 unbehauene Holzstämme bergen. Nach der Einschätzung von Walhi Jambi liegen etwa 5000 weitere Baumstämme noch auf Halde (beim Dorf Sei Kejasung Besar Kaki).

Das Muster des Komplotts ähnelt dem von Olak Besar: Junaidi, Inhaber des Holzunternehmens PD Gemilang, verschafft sich mit Hilfe zweier Beamter der Forstbehörde von Jambi eine Genehmigung. Dieses Papier mit der Bezeichnung IPHHK-LKH No.skep/522/0572 (Izin Pemungutan Hasil Hutan Kayu-Luar Kawasan Hutan), ausgestellt von der Forstbehörde vom 23. Februar 2006, gestattet Transmigranten aus Jambi, in einem definierten Areal von 600 Hektar Abfallholz zu nutzen. Sie ist ausdrücklich nicht gültig für zonierten Wald des Nationalparks.

Auch in diesem Fall missbraucht ein Holzunternehmen die Armut der Menschen für den eigenen Profit. Unter dem Deckmantel einer sozial motivierten Tätigkeit heuert PD Gemilang Leute aus Jambi als Holzfäller an, womöglich sogar die Transmigranten selbst. Statt Abfallholz zu sammeln, sägen sie sich den Ast ab, auf dem sie sitzen.

Von Bukit Duabelas nach Deutschland

Sowohl PD Gemilang als auch PT Permata Hijau arbeiten mit an den Flüssen gelegenen Sägewerken zusammen. Von den Sägewerken wird das Holz aus dem Nationalpark Bukit Duabelas in der Dämmerung über die Flüsse Tembesi und Batanghari zum Unternehmen Tanjung Johor Wood Industry gebracht. Auch für den Transport sind Genehmigungen erforderlich. PD Gemilang zum Beispiel nutzte missbräuchlich eine Genehmigung mit der Kennzeichnung DF 8041337, ausgestellt von Amri Dalimunthe, Forstbeamter in Baranghari, auf PD Gemilang. Damit wird der Transport eines begrenzten Volumens Holz aus einem definierten Konzessionsgebiet außerhalb des Nationalparks gestattet. Nichts davon wurde eingehalten: das Volumen wurde überschritten, und das Holz stammte nicht aus dem Konzessionsgebiet, sondern aus dem Nationalpark Bukit Duabelas.

PT Tanjung Johor Wood Industry ist ein in Jambi ansässigen Holz verarbeitendes Unternehmen. Schon 2003 stellten die Umweltorganisationen Milieudefensie und WWF fest, das Tanjung Johor illegales Holz aus dem Nationalpark Kerinci Seblat in Jambi bezieht. /http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf-alt/kampagnen/tessonilo/sperrholz.pdf/ In einer Untersuchung von Indonesian Corruption Watch, ICW, und Greenomics über die Performance der indonesischen Holzindustrie /ICW: Timber industry needs revitalization, 2. Januar 2006/ stuft ICW das Unternehmen Tanjung Johor als wirtschaftlich nicht gesund und ineffizient ein. ICW zufolge verarbeitet Tanjung Johor mehr als doppelt soviel Holz wie genehmigt. Zwischenzeitlich hat das Forstministerium Tanjung Johor sogar die Lizenz entzogen. Trotzdem ist das Unternehmen in der Lage weiterzuexistieren. Die Frage bleibt, woher Tanjung Johor Wood Industry sein Holz bezieht? Es ist bezeichnend, dass ein wichtiger Abnehmer dieses indonesischen Unternehmens in Bremerhaven sitzt und auf seiner Website mit der Geschäftsverbindung zu Jambi wirbt.

Nach der Bearbeitung der Holzstämme durch die Tanjung Johor Wood Industry wird das aus dem Nationalpark stammende Holz nach Singapur verschifft und gelangt an das Partnerunternehmen Casin Panels Pte Ltd. Dieses wiederum verkauft das für den europäischen Markt bestimmte verarbeitete Holz weiter, auch nach Deutschland.

Die beiden Beispiele aus dem Nationalpark Bukit Duabelas stehen für viele andere, in denen Beamte mit Holzbaronen kooperieren. „Die lokalen Akteure sind eingebunden in einen international besetzten Holzmafiaring“, sagte Walhi Jambi. Während im vergangenen Jahr eine Reihe Holzfäller, Sägewerksbesitzer und auch der ein oder andere cukong (Holzmafiaboss) festgesetzt wurde, können sich die internationalen Geschäftspartner bisher vollständig jeglicher Kontrolle entziehen. Korrupte Beamte öffnen ihnen alle Wege, so dass die Holzmafia nach Gutdünken walten kann.

Auf diese Weise sind auch europäische Abnehmer an der Zerstörung geschützter Wälder und der Lebensgrundlagen der Menschen in Jambi beteiligt. Sie sind mitverantwortlich für die Konflikte zwischen Regierungsstellen, lokaler Bevölkerung und Indigenen. Wenn die Holzmafia nicht gestoppt wird, wird der Nationalpark Bukit Duabelas mit seinen Waldnomaden keine Zukunft haben.
[1] Feri Irawan ist Direktor von WALHI Jambi
[2] Es ist noch ungeklärt, ob mit PT Permata Hijau ein Subunternehmen der Wilmar Holdings, PT Permata Hijau Pasaman, oder die in Medan ansässige PT Permata Hijau Sawit gemeint ist, oder ein drittes, noch nicht identifiziertes Unternehmen.

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Samstag, Juni 17, 2006

Aceh auf dem Holzweg

15. Februar 2006
http://home.snafu.de/watchin

Aceh auf dem Holzweg
auf dem Simpang Kiri im Leuser Nationalpark in Aceh
von Marianne Klute, Watch Indonesia!

In weiten Bögen strömt der Simpang Kiri durch die tief liegenden Gebiete des Leuser-Nationalpark zum Meer. Weiter nördlich fließt er als Simpang Alas durch die Stadt Kutacane. Der Alas enspringt am Gunung Leuser, dem Dreitausender, der dem Nationalpark seinen Namen gibt. Bevor der Simpang Kiri schließlich bei Singkil in den Indischen Ozean mündet, mäandert er durch ein biologisch einzigartiges Sumpfgebiet.

Wir fahren in einem niedrigen Sampan den Simpang Kiri hoch: Feri Irawan von Mandela, Yashut von Walhi Kutacane, ein Reporter der Tageszeitung Serambi (Aceh) und ein lokaler Bootsführer. Die Flüsse sind hier im Südwesten der indonesischen Provinz Aceh bevorzugte Transportwege, besonders für Holz. Drei Susilo, eine lokale Zibetkatzenart, vergnügen sich beim Fischfang, ein bunter Tukan fliegt über den Fluss, aus dem Ufergebüsch kriecht eine lange Schlange zum Wasser. Kettensägen kreischen.

Die Holzfäller in der Nähe des Ufers – sie verstecken ihre Stiehl-Sägen notdürftig unter Gestrüpp vor uns – haben leichte Arbeit. Hohe Bäume gibt es hier nicht mehr. Die Fäller machen nur noch Kleinholz und roden den Boden für den (illegalen) Anbau von Ölpalmen.

Wir geben vor, einen Naturfilm drehen zu wollen. Zögernd geben die Männer Auskunft über ihre Arbeit, ihren Verdienst und ihren Chef. Sie wissen genau, wohin das Holz der Bäume, die hier standen, geliefert wurde: über Fluss und Straße nach Medan in Nord-Sumatra oder vom Hafen in Singkil mit Schiffen nach Singapur und Malaysia.

Weiter oben reiht sich Holzlagerstätte an Holzlagerstätte. Es ist Schnittholz, direkt an Ort und Stelle gesägt und aus den höher gelegenen Regionen über Holzrutschen ans Ufer transportiert, teilweise aus Entfernungen von über 20 km. Arbeiter von der Insel Nias flözen das Holz dann bis zum Hafen in Singkil oder zu flachen Uferstellen, wo es auf Lastwagen verladen und dann nach Medan in Nord-Sumatra gebracht wird.

Die Niasser lächeln verlegen. Sie wissen, was sie tun. Aber sie tun es, weil sie doppelt soviel verdienen wie normal, nämlich fünf Euro am Tag.

Illegaler Holzeinschlag im Süden von Aceh

Seit Mai 2005 und besonders seit Mitte des Jahres 2005 beobachten Umweltschützer im Süden von Aceh verstärkte Aktivitäten von illegalen Holzfällern. Die „Hotspots“ für das Geschäft mit dem wertvollen Tropenholz aus dem letzten großen Naturschutzgebiet Sumatras, dem Leuser-Nationalpark mit dem ihn umgebenden Ökosystem, liegen bei Kutacane (Bezirk Aceh Tenggara in Südost-Aceh) und an der Küste bei Singkil (Bezirk Aceh Selatan in Süd-Aceh).

Die Holzeinschlagsunternehmen rekrutieren Arbeitskräfte unter dem Vorwand, das Holz würde für den Wiederaufbau von Aceh benötigt. Die lokale Bevölkerung bestätigt, dass die schwer mit Holz beladenen Lastwagen in den ersten Monaten nach der Tsunami-Katastrophe sogar Aufschriften wie „Für den Wiederaufbau von Aceh” trugen. Jetzt fahren die Holzlaster doppelt so viele Touren wie vor dem Tsunami. Allein aus dem Sumpfgebiet um Singkil kommen nach Recherchen von MANDELA und WALHI Kutacane täglich etwa 20 LKW-Ladungen mit circa 15 m3 .

MANDELA-Mitarbeiter und WALHI-Freiwillige fotografierten sogar mit Holz beladene, von der Holzmafia eingesetzte LKWs internationaler Hilfsorganisationen. Zwar achten die meisten Hilfsorganisationen darauf, kein illegales Holz beim Wiederaufbau zu verwenden, doch haben sie kaum Kontrolle in den von der Hauptstadt Banda Aceh weit entfernt liegenden Gebieten im Süden von Aceh.

„Das meiste Holz ist erstklassige Ware“, erklärt mir Yashut von WALHI Kutacane. Bevorzugte Holzarten sind Semaram, Merbau, Kruing und Meranti: sie erzielen höhere Preise auf dem internationalen Markt. Ein Kubikmeter kostet 18 Mio. Rupiah, entsprechend 1.600 Euro. Für das Gebiet Singkil allein bedeutet dies täglich: 20×15×1.600 bzw. eine halbe Million Euro. „Klar, dass das Holz nicht für Aceh bestimmt ist“, sagt Yashut. „Es wird illegal ins Ausland exportiert.“


Hotspot Kutacane

Kutacane liegt in einem Tal zwischen zwei Flanken des Leuser-Gebirges, mit direkter und guter Straßenverbindung nach Medan in Nord-Sumatra. Die Stadt ist nur durch eine Bergkette von Bukit Lawang am Bohorok getrennt, wo am 2. November 2003 mehr als zweihundert Menschen, auch Touristen aus Deutschland, bei Überschwemmungen sterben mussten, erschlagen von Tausenden im Leuser-Nationalpark illegal gefällten Holzstämmen.

Gerade die Gegend um Kutacane leidet unter dem Kahlschlag im südlichen Leuser. Seit den 80er Jahren wird sie immer häufiger von Erdrutschen und Überschwemmungen heimgesucht. Allein 2005 musste Kutacane zwei tödliche „Flash Floods“ erleiden, am 15. April und zuletzt am 18. Oktober. Ursache dieser Überschwemmungen sind tropische Regenfälle, die verheerende Ausmaße erreichten, weil die kahl geschlagenen Berghänge das Regenwasser nicht mehr aufnehmen können und die Wassermassen die Holzlagerstätten mit den illegal geschlagenen Tropenhölzern mit sich reißen.

„Woche für Woche erlebt Aceh Blitzfluten“, sagt Bambang Antariksa von WALHI Aceh. Bambang beobachtet, dass im Namen des Wiederaufbaus Acehs der Wald übermäßig gefährdet, dass im Leuser immer ungehemmter Holz eingeschlagen wird und dass dies keineswegs den Flüchtlingen und Obdachlosen zugute kommt. „Wir schaffen uns neue Katastrophen“, sagt Bambang.

Tatsächlich forciert die Holzmafia im Schatten des Wiederaufbaus den illegalen Holzeinschlag. Die Wälder in der Nähe von Kutacane sind ein Zentrum dieser kriminellen Aktivitäten. Die Holzmafia hier ist skrupellos. Sie bedroht und schikaniert Umweltschützer und Bevölkerung, sie kontrolliert die lokale Presse, sie hat direkte Verbindungen zu hohen Politikern und Militärs. Über die Checkpoints des Militärs auf der Strecke nach Medan lacht die Holzmafia nur. Unbehelligt donnern die schweren Lastwagen daran vorbei. Bisher erfreuen sich die Holzbarone immer noch ihrer Profite – und der Straflosigkeit.

Das könnte jetzt anders werden. Mitarbeiter von MANDELA „verfolgen“ seit einem halben Jahr gezielt die illegalen Aktivitäten der Holzmafia bei Kutacane. Die Polizei und das Forstministerium von Nord-Sumatra konnten im Dezember 2005 Lastwagen voller Holz konfiszieren. Bisher hat sich der Besitzer noch nicht gemeldet. Ein großer Erfolg aber ist die Aufdeckung des Holzmafiaringes, dem Marzuki Desky, genannt Kiki, der Sohn des Bupati (Bezirkspräsident) von Kutacane, Armen Desky, und weitere bekannte Politiker oder deren Familienmitglieder angehören.

Kiki steht jetzt in Jakarta vor Gericht. Wenn die nationale Justiz den Mut aufbringen sollte – die Staatsanwaltschaft und die Richter des Bezirks Kutacane scheinen da ängstlicher zu sein – Kiki zu verurteilen, würde dies nicht nur ihn treffen. Sein Vater Armen Desky soll, so sagt ein anonymer Forest-Ranger, zusammen mit Mitgliedern des Bezirksrats und Militärs, die Kontrolle über den illegalen Holzeinschlag in ganz Südost-Aceh ausüben. Auch politisch plant Bupati Armen Desky Großes. Er setzt sich zur Zeit kraftvoll dafür ein, dass der Bezirk Südost-Aceh mit der Bezirkshauptstadt Kutacane inklusive des Alas-Gebietes den Status einer eigenen Provinz (Aceh Leuser Antara, ALA) bekommt. Dann könnte Armen Desky Gouverneur werden, und sein Sohn und sein Business wären womöglich gerettet. MANDELA- und WALHI-Mitglieder allerdings müssten dann einen weiten Bogen um Kutacane machen.

Hotspot Singkil

Wo auch immer das MANDELA-Team in das Torf-Sumpfgebiet bei Singkil hinkommt, überall entdeckt es Kahlschlag und illegale Aktivitäten von Holzfällern. Seit Oktober 2005 untersucht MANDELA besonders die leichter zugänglichen Ufer des Simpang Kiri / Simpang Alas. Doch auch in schwer erreichbaren Gebieten an der Westküste entdecken die Umweltschützer häufig illegalen Holzeinschlag.

Das Singkil-Sumpfgebiet und der nördlich liegende größere Kluet-Torf-Sumpf sind einzigartige Schutzgebiete, seit geraumer Zeit die letzten ihrer Art in Indonesien. Hier leben Orang-Utan, die sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnen. Wissenschaftler haben beobachtet, dass die Kluet-Orang-Utan keine Einzelgänger sind, sondern in Gruppen leben. Außerdem benutzen sie kleine Äste als Werkzeug, um an Nahrung zu kommen. Schon vor dem Tsunami war die Hälfte des Sumpfgebietes und damit der Lebensraum der Menschenaffen zerstört. Ein Verlust dieser Torf-Sümpfe wäre ein ökologisches Disaster für Indonesien, dass schon mehr als 80% seiner Torf-Sumpfgebiete verloren hat.

Es gibt wenig Hoffnung auf Rettung für die Torfsümpfe von Singkil und dem nördlich gelegenen Kluet. Seit dem Ende der Suharto-Ära (1998) herrscht, so die Londoner Umweltorganisation Environmental Investigation Agency, EIA, Anarchie in Singkil. Entscheidungen des indonesischen Präsidenten Susilo B. Y. und der Forstbehörden, endlich gegen die kriminellen Holzunternehmer vorzugehen, helfen wenig, wenn Polizei und Forstbeamte eingeschüchtert oder sogar selbst beteiligt sind.

Umweltorganisationen wie WALHI Kutacane und MANDELA machen Druck. Das reicht aber nicht. Sie müssen selbst Polizeiaufgaben übernehmen, die Holzlagerstätten identifizieren und Beweise zusammentragen. Das erfordert enormen Mut angesichts der handfesten Drohungen der Holzmafia. Die Rückendeckung durch und die Präsenz von Unterstützern aus dem Ausland macht ihre Arbeit ein wenig sicherer. Wenn dann erste Erfolge zu verzeichnen sind, wie im Illegal-Logging-Fall von Kutacane, könnten auch Singkiler Polizeibeamte ermutigt werden, strikter gegen die illegalen Holzfäller vorzugehen.

„Denn es geht nicht um den Wiederaufbau von Aceh“, sagt Feri Irawan. „Es geht nur um Profite.“


Die Provinz Aceh
Größe: 5 Mio Hektar
Waldfläche: 3,1 Mio Hektar
Geschützter Wald: 2,7 Mio Hektar
Produktionswald: 0,64 Mio Hektar
Torf-Sumpfgebiet Kluet: 0,12 Hektar

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